Um verstehen zu können, wie sehr mich die Krankheit einschränkt, möchte ich dir erst einmal erzählen, wie mein Leben davor war.
Ich habe immer gern gearbeitet. Mit dem Kopf. Probleme lösen. Fehler finden. Andere unterstützen. Termindruck war kein Problem. Je komplexer und anspruchsvoller die Aufgabe, desto besser.
Neben dem Vollzeitjob habe ich mich für ein berufsbegleitendes Studium entschieden. Aus Interesse. Des Lernens wegen. Keine Ahnung, ob mir das im Job mal etwas bringt. Ich hatte einfach Lust dazu.
Nach dem Arbeitstag noch über 3 Stunden Vorlesung? Kein Problem. Lernen? Kein Problem. Hausarbeiten in Gruppen schreiben? Kein Problem. Sag mir, was ich übernehmen soll und ich mach es.
Im Job war ich Führungskraft. Ich habe mich um meine Mitarbeitenden gekümmert. Immer ein offenes Ohr. Immer eine Lösung für Probleme.
Im Studium wurde ich zur Semestersprecherin gewählt. Zeitweise bekam ich zehn Nachrichten oder Anfragen am Tag. Probleme, die zu lösen sind. Anfragen, wo was zu finden ist. Oder auch teilweise einfach Menschen, die mit jemandem reden wollten. Über Stress, Überforderung und Probleme.
Im Privaten hatte ich meine Hobbys. War Teil des Vorstands im Tauchclub. Mountainbiken. Tauchen. Yoga. Alles rund um den Hund. Lesen. Gesellschaftsspiele und PC-Games. Am besten schwere. Wenn noch Rätsel-Elemente dabei sind, noch besser. Klemmbausteine. Je aufwändiger, desto besser.
Ich war sehr gern unter vielen Menschen. Konnte teils 3 Gespräche am Tisch gleichzeitig verfolgen und mich einbringen. Ich liebte es, stundenlange Gespräche zu führen. Über tiefgründige Themen. Oder auch totalen Nonsense.
Wenn ich mich mit einer Freundin am Sonntag verquatscht habe und erst um 23 Uhr die Heimfahrt von drei Stunden angetreten habe, obwohl ich am nächsten Tag früh raus zur Arbeit musste, war das kein Problem.
Ich habe immer gern mein Gehirn genutzt. Schon als Kind hatte ich einen Experimentierkasten mit Strom.
Ich habe Sudoku geliebt. Gern geknobelt. Rätsel gelöst. Auf meinem Schreibtisch steht ein Kalender, bei dem man jeden Tag ein Puzzle lösen muss, um das aktuelle Datum zu sehen.
Und jetzt ist alles anders.
Diese Dinge strengen mich sehr an. Rauben mir Energie. Führen zu Erschöpfung.
Auf einmal kann ich mir manchmal nicht einmal mehr einen Termin merken, den ich vor fünf Minuten ausgemacht habe.
Ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen kann und werde. Ich habe noch nie so viel vergessen wie im letzten Jahr.
Das fühlt sich scheiße an.
Und macht mir Angst.
Und gleichzeitig traurig.
Und wütend.
Ich konnte mich immer auf meinen Kopf verlassen.
Und jetzt ist das nicht mehr so.
Und ich weiß nicht, ob es schlimmer wird. Ob sich mein Körper vielleicht an die Medikamente gewöhnt und sie irgendwann nicht mehr wirken. Und ob mich mein Kopf noch weiter im Stich lässt.
Auch, wenn es von außen vielleicht so wirkt als wäre alles gut, und meine kognitive Leistung oft trotzdem noch überdurchschnittlich scheint, weiß ich, wie es vorher war.
Ich habe Angst.
Was, wenn mein Kopf irgendwann gar nicht mehr funktioniert? Was, wenn ich irgendwann gar nicht mehr funktioniere? Auch nicht mehr über einen kurzen Zeitraum?
Wer bin ich dann?

Seit wann hast Du die Erkrankung? Was war bei dir der Auslöser? – würde gerne mehr darüber lesen. LG Edeline