#010 — Was macht die Diagnose mit mir?

Als ich endlich eine Diagnose hatte, war ich erleichtert. Endlich hat jemand mein Problem benannt. Endlich wusste ich, dass ich mir das nicht einbilde. Nicht übertreibe. Dass eben nicht alles in Ordnung ist.

Natürlich hat mir die Diagnose auch Angst gemacht. Ich wusste nichts über die Krankheit. Hatte noch nie davon gehört. Und hatte keine Ahnung, was das jetzt für mich bedeutet.

Aber nach monatelangen Besuchen bei den verschiedensten Ärzt*innen war ich vor allem eins: froh, dass ich nicht wieder mit der Aussage nach Hause geschickt wurde, dass alles gut ist.

Ich war froh, dass ich darauf bestanden habe, ins Schlaflabor zu gehen. Und gleichzeitig wütend auf all die Ärzt*innen, die mir gesagt haben, dass das Zeitverschwendung ist. Die mir geraten haben, einfach mal Urlaub zu machen. Dass ich nur zu viel Stress habe.

Naiv, wie ich war, dachte ich: Jetzt kommt die Lösung.

Ich dachte, dass eine Diagnose bedeutet, dass ich endlich behandelt werden kann. Dass mit der richtigen Medikation schnell wieder alles gut wird. Normal wird.

Dass ich wieder arbeiten kann. Dass mein Kopf wieder so funktioniert wie früher. Dass ich mein Leben wieder so leben kann, wie ich es möchte.

Ich machte Pläne.

Ich war fest davon überzeugt, dass ich mit der richtigen Medikation keine Einschränkungen mehr haben werde. So hatte ich den Arzt zumindest verstanden.

Ich war sehr erleichtert.

Als mein Partner mich abgeholt hat, bin ich mit einem Grinsen im Gesicht nach Hause gefahren. Mit dem Gedanken: Jetzt wird alles gut.

Der erste Dämpfer kam, als ich mich mit der Diagnose beschäftigt habe.

Natürlich habe ich zuerst das Internet durchsucht. Ich wollte verstehen, was das wirklich bedeutet. Ob es eine Chance auf Heilung gibt. Ob es andere Betroffene gibt.

Ich habe nichts Hilfreiches gefunden.

Auch die Medikation hat nicht den Effekt gebracht, den ich mir erhofft habe.

Ja, ich komme irgendwie durch den Tag. Aber ich bin weit entfernt davon, wie ich mich früher gefühlt habe. Weit entfernt von meiner früheren Leistungsfähigkeit.

Und spätestens, wenn die Wirkung der Medikamente nachlässt, ist mein Tag gelaufen.

So sehr ich mir Klarheit und eine Diagnose gewünscht habe, so sehr hasse ich sie jetzt.

Sie hilft mir, meine Situation zu erklären. Aber sie hilft mir nicht, damit zurechtzukommen.

Ganz im Gegenteil.

Es fällt mir unglaublich schwer, zu akzeptieren, dass mein Leben jetzt eingeschränkt ist. Dass ich nicht mehr so kann, wie ich will. Dass ich überlegen muss, ob eine Aktivität es mir wert ist, dass es mir die nächsten Tage schlechter geht.

Und dazu kommt die Angst, dass es nie wieder besser wird.

Was wird aus meinem Leben? Wie soll ich weiterleben? Wie soll ich meinen Alltag finanzieren? Wie soll ich Freude empfinden, wenn sich alles so unglaublich anstrengend anfühlt?

Psychisch nimmt mich die Diagnose sehr mit.

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals damit abfinden werde. Ob ich einen Weg finde, damit umzugehen.

In manchen Situationen fühle ich mich wie eine Versagerin. Wenn andere dabei sind, wie ein Klotz am Bein. Wie eine Belastung für die ganze Welt.

Es tut weh.

Dass ich nicht mehr ich sein kann. Dass ich nicht mehr frei entscheiden kann. Dass ich nicht mehr einfach spontan Dinge tun kann, die ich früher geliebt habe.

Und es macht mir Angst, dass ich mit alltäglichen Situationen plötzlich überfordert bin. Sowohl kognitiv als auch körperlich.

Wer weiß, wie sich das weiterentwickelt? Wird es schlimmer? Kann ich mich irgendwann gar nicht mehr auf meinen Körper verlassen?

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