#017 — Volle Energie ist nicht gleich volle Energie

Hast du schon einmal von der Löffel-Theorie gehört?

Die Löffel-Theorie geht ursprünglich auf Christine Miserandino zurück. Sie entwickelte die Metapher, um zu erklären, wie es sich anfühlt, mit chronischer Krankheit und begrenzter Energie durch den Alltag zu gehen.

Die Theorie wird häufig genutzt, um gesunden Menschen den Energiehaushalt von chronisch kranken und behinderten Menschen verständlicher zu machen.

Gesunde Menschen haben täglich eine ganze Menge Löffel. Sagen wir mal an normalen Tagen 40. An guten Tagen vielleicht sogar mehr.

Menschen wie ich, mit einer chronischen Krankheit, haben deutlich weniger Löffel. An guten Tagen habe ich vielleicht 10. An schlechten weniger.

Der Gedanke hinter der Theorie ist, dass jede Aktivität Löffel kostet. Vom Aufstehen über Zähneputzen bis hin zu Arbeiten, Sport treiben oder Spazierengehen.

Wie viele Löffel eine Aktivität kostet, hängt stark von der jeweiligen Person ab. Bevor ich krank wurde, haben mich Aufstehen, Duschen, Zähneputzen, Kleidung raussuchen, Anziehen und alles, was dazugehört, vielleicht einen Löffel gekostet.

Jetzt ist das anders.

Duschen? Ein Löffel.

Zähne putzen? Ein Löffel.

Nehmen wir als Beispiel einen Tag aus der letzten Woche, an dem ich mit dem Zug unterwegs war.

Wie der Tag früher ausgesehen hätte

Löffel am Anfang des Tages: 40

Aufstehen, duschen, Zähne putzen, Kleidung raussuchen und anziehen, Haare machen: ein Löffel.

Frühstücken, mit meinem Partner sprechen, noch einmal die Zugverbindung checken und letzte Kleinigkeiten einpacken: ein Löffel.

Zum Bahnhof gefahren werden, beim Bäcker ein Heißgetränk und eine Brezel kaufen, zum richtigen Gleis gehen, prüfen, in welchem Abschnitt mein Wagen hält, nach Einfahrt des Zuges meinen Platz suchen, Gepäck verstauen, hinsetzen und mich für die Fahrt einrichten: ein Löffel.

Sechs Stunden Zugfahrt inklusive zweimal Umsteigen. Währenddessen lesen, Musik hören oder eine Serie schauen: drei Löffel.

Vom Bahnhof zu Fuß zum Hotel gehen, mich orientieren, einchecken, im Zimmer meinen Koffer auspacken und ankommen: ein Löffel.

Ich hätte also noch über 30 Löffel übrig gehabt. Löffel, die ich hätte nutzen können, um mit anderen Menschen essen zu gehen. Die Stadt zu erkunden. Ein Museum zu besuchen. Oder irgendetwas anderes zu machen.

Wie der Tag letzte Woche tatsächlich war

Löffel am Anfang des Tages: 10

Aufstehen, Zähne putzen, anziehen, Haare machen: zwei Löffel. Duschen und Kleidung raussuchen hatte ich am Abend vorher erledigt. Das hätte sonst noch einen weiteren Löffel gekostet.

Zum Bahnhof gefahren werden, zum Gleis gehen, den richtigen Abschnitt suchen, Platz im Zug einnehmen und Gepäck verstauen: zwei Löffel.

Sechs Stunden Zugfahrt. Die Umstiege hatte ich auf einen reduziert. Währenddessen habe ich Serien geschaut. Zum Lesen habe ich zurzeit nicht genug Energie: drei Löffel.

Der Weg vom Bahnhof zum Hotel, einchecken, ankommen. Den Koffer habe ich nicht ausgepackt: ein Löffel.

Am Abend hatte ich per Videokonferenz meine Gruppentherapie. Eineinhalb Stunden. Ein Löffel, weil ich mich zurückgehalten habe. Wenig beigetragen habe. Stille Zuhörerin war.

Danach hatte ich noch einen Löffel übrig.

Ich musste aber noch Abend essen, Zähne putzen und alles erledigen, was abends eben noch nötig ist. Duschen habe ich auf den nächsten Morgen geschoben.

Und um 21 Uhr bin ich völlig erschöpft ins Bett gefallen.

Nicht nur, dass mich alles deutlich mehr Löffel kostet als früher. Ich habe auch viel weniger davon zur Verfügung.

Warum ich das schreibe

Ich möchte damit verdeutlichen, dass volle Energie nicht bei allen Menschen das Gleiche bedeutet.

Selbst wenn du bei mir oder bei anderen Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen hörst, dass sie einen guten Tag haben oder „voller Energie“ sind, heißt das nicht, dass sie so viel leisten können wie du.

Und nur, weil für dich eine Aufgabe wie Zähneputzen so eine Lappalie ist, dass du dir nicht einmal Gedanken darüber machst, gilt das nicht für alle Menschen.

Für manche Menschen, wie mich, muss jede Aktivität des Tages sorgsam geplant werden. Damit nicht schon mittags keinerlei Energiereserven mehr übrig sind.

Ich war letzte Woche drei Tage unterwegs.

Ein Anfahrtstag. Ein Tag mit einem dreistündigen Termin und anschließendem Essen mit netten Menschen. Und dann der Tag der Rückfahrt.

An allen drei Tagen habe ich so lange geschlafen wie möglich. Ich habe ansonsten nur das Nötigste gemacht. Im Hotel musste ich mich nicht um Frühstück oder andere Dinge kümmern.

Trotzdem war ich an allen drei Tagen abends völlig erschöpft.

Und ich merke es heute, nachdem ich seit vier Tagen wieder zu Hause bin und Ruhe habe, immer noch.

Denk also bitte beim nächsten Mal darüber nach, wenn du so etwas sagst wie:

„Wir haben alle die gleichen 24 Stunden zur Verfügung.“

Denn nur, weil wir theoretisch alle 24 Stunden Zeit haben, heißt das nicht, dass wir auch alle die gleiche Energie haben, um diese Stunden zu nutzen.

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4 Kommentare

  1. Danke für deinen Beitrag „zur Löffel-Theorie». Die Frage: Hast du schon einmal davon gehört? Muss ich mit einem klaren „JA“ beantworten. Als langjähriger MSler kennt man dies aus dem eigenen Alltag – obwohl ich zur Sicherheit und wegen meines Missverhältnisses zu geraden Zahlen lieber 13 Löffel verwende.

    Liebe Grüße frank

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